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10 Jahre Musiktage Valendas

 David Hoffmann, der seit einigen Jahren im Kammerchor Altaun mitsingt, hat den Gründer und Leiter der Musiktage Valendas, Thüring Bräm, zum 10jährigen Jubiläum über Sinn und Zweck der Musiktage befragt, die dieser zusammen mit dem Co-Gründer und Cellisten Jürg Eichenberger seit dem Anfang bestimmt. Der Kammerchor ist ein Projektchor mit Mitgliedern aus Basel, Bern, Luzern und Graubünden, der sich einmal im Jahr trifft, um in Kirchen und Kunsträumen der Surselva und Mittelbündens mit entsprechendem Repertoire zu singen.  Die Musiktage finden seit 2007 jedes Jahr Anfang Juli statt und feiern dieses Jahr ihr 10-Jahr-Jubiläum.

 Wie ist es zu den Musiktagen Valendas gekommen?

 Die Idee zu den Musiktagen Valendas wurde durch die Einladung des Asia Trios im Jahre 2006 nach Japan angeregt. Der Komponist Minoru Miki hatte mich als Composer-in-Residence zusammen mit dem Asia Trio (Yang Jing an der Pipa, Jürg Eichenberger am Violoncello und mich am Klavier) nach Japan eingeladen. Das Festival in Hokuto war eine Gründung von Minoru Miki und seinen Freunden und neben seinen Werken wurde vor allem zeitgenössische Musik aufgeführt. Die Idee von Minoru war, beste Spieler aus Asien, aus den USA und aus Europa zu vereinen, um sich kennenzulernen, sich mit seinen Freunden zu treffen und zusammen zu musizieren. Es trafen sich klassische sowie Volksmusiker von der Mongolei, China, Japan, Hawaii und der Schweiz, um miteinander zu spielen, vor allem in der Form von Improvisation. Das war ein wunderbarer Schmelztiegel der Kulturen, auch wenn die gegensätzlichen Arten Musik zu machen, nicht immer kompatibel waren. Im Flugzeug zurück von Osaka hatte Jürg Eichenberger die Idee, im grossen Haus seiner Familie in Valendas eine Art schweizerisches Hokuto zu kreieren. Da ich 2005 den Kunst- und Kulturpreis der Stadt Luzern erhalten hatte, hatte ich mit dem Preisgeld etwas Ähnliches schon 2006 in der Zentralschweiz zu realisieren versucht, aber es sollte nicht werden. Da kam Valendas, ein wenig bekannter Ort in Graubünden gelegen, der eben einen Verein Valendas Impuls gegründet hatte, um das Dorfleben zu aktivieren und die alten Patrizierhäuser zu retten. Zwei aktive Frauen aus dem Dorf, Regula Ragettli und Daniela Brunner ermunterten uns, doch mit Hansruedi Luzi Kontakt aufzunehmen, dessen Idee es war, alte Häuser zu renovieren und wieder zu beleben als Gasthäuser oder als „Wohnen im Baudenkmal“. Er besuchte uns bei Jürg Eichenberger in Meggen und sagte sofort, dass ihm unsere Idee, alte Räume und Kirchen mit der entsprechenden Musik zu füllen und mit neuer Musik zu ergänzen, sehr gefalle. „Ja, das machen wir“. Es war wunderbar, einmal jemanden zu treffen, der sofort „ja“ zum Inhalt sagte und nicht zuerst nach Geld und Umständen fragte.

Fürs erste Geld und die Anlauffinanzierung reichte mein Luzerner Preis als Anfangsinvestition. Sowohl auf Valendaser als auch auf unserer Seite waren sofort eine Handvoll Menschen mit Engagement dabei (aus Basel und Vals Rosmarie Prica-Tönz (“Würde mich interessieren“), Beat und Heidi Buess („Könntest Du nicht mal was im Sommer machen?“), Mélisande Athmer („Ich organisiere einen Fan-Club“), meine Frau als „Spiritus rector“ im Hintergrund. Daneben waren uns auch die offiziellen Menschen der Gemeinde wohl gesinnt, der damalige Gemeindepräsident Beni Bühler, Walter Marchion als Präsident von Valendas Impuls, der Webmaster Christian Läng, Martin Pfisterer, der die Stiftungen zur Renovation der Häuser vorantrieb, der Schulhauswart Hitsch und in den letzten Jahren auch Karl Kaiser aus Versam, der nun auch bei uns mitsingt.

Und für mich, den seit meiner Jugend diese Gegend mit ihrer Zweisprachigkeit fasziniert und in der ich „über dem Berg“ fast jeden Sommer verbrachte, war es wie ein „Nach-Hause-Kommen“.

 

Das erste Konzert war mit „Begegnungen“ überschrieben. Was sind das für Begegnungen?

 Im Sinne von Hansruedi Luzi sind das Begegnungen mit unserer Vergangenheit vor allem in Architektur, Kunstgeschichte und Musik und die Reflexion darüber, was wir heute damit machen, wie wir unser Erbe lebendig erhalten, ohne in Konservatismus zu verfallen.

 Darum ist der persönliche Aspekt der Begegnung von Menschen auch von grosser Bedeutung. National – besonders am Brunnenfest, wo wir gemeinsam mit den Einheimischen, die mitmachen wollen, Volkslieder aus allen Sprachregionen der Schweiz singen und auch immer wieder Musiker und Musikerinnen aus den verschiedenen Regionen einladen, – pflegen wir das, was vielleicht am Schweizersein zur Zeit das kostbarste Gut ist, wenn auch nur auf sehr kleinem Raum: dass die verschiedenen Kulturen und Sprachen seit über hundertfünfzig Jahren zusammen leben und sich gegenseitig befruchten, ohne gegenseitig Gewalt anzuwenden.

 Und international ziehen wir die Kreise weiter, indem wir jedes Jahr einen etwas anderen Schwerpunkt setzen: So haben wir im Jahre 2007 mit Yang Jing, der fantastischen Pipaspielerin aus China zusammengespielt, 2008 hatten wir die Mezzosopranistin Magali Schwartz aus Genf zu Gast, die mit ihrem Timbre in meinen Bearbeitungen spanischer Volkslieder für Mezzosopran, vier Celli (Jürg Eichenbergers Gruppe „Canticelli“) und gemischten Chor eine südliche Atmosphäre heraufbeschwor. 2009 folgte eine eher ideelle „Begegnung“ mit der Figur der Maria mit Mariengesängen vom 14. bis 18. Jahrhundert, die im „Stabat mater“ von Joseph Haydn gipfelten. 2010 kam dann ein eher „protestantisches“ Programm mit Bachs Motette „Jesu meine Freude“ und meinen „Piccoli Madrigali“ nach Texten von Anna Maria Bacher zum Zuge. 2011 war „Alpenmusik“ angesagt mit einer Uraufführung des Komponisten Angelo Inglese (Bari/Rom) mit seinen „Tre Rime“ nach Gedichten von Petrarca, der darin über die Quelle der Rhone spricht. 2012 wurden eine Messe von William Byrd einigen Ausschnitten aus „The Fairy Queen“ von Henry Purcell gegenübergestellt (In-Sich-Gehen und Theatralik). 2013 galt acht Jahrhunderten ‚Vaterunser’, das mit einem spirituellen japanischen Werk der japanisch-amerikanischen Komponistin Akemi Naïto verbunden wurde. 2014 wurde das Repertoire des Benediktiner- klosters Mariastein (das ähnliche Züge wie Disentis beinhaltet: als „Verbindungsmann“ der Organist Martin Vogt, der anfangs des 18.Jahrhunderts an beiden Klöstern tätig war) rund um Mozart hörbar gemacht. Schliesslich 2015: Erstmals Werke mit alten Instrumenten der Epoche des Lübeckers Buxtehude in der Art der „Abendmusiken“ des 17. Jahrhunderts, die sich besonders gut für Kirchen wie Valendas oder Castiel (im Schanfigg) eignen.

 Also Begegnungen mit Orten und Menschen. Aber auch Vermischung von guten Laien mit hoch professionellen Musikern, von Publikum und Ausführenden, von Einheimischen und Fremden, von Generationen.

 

Nach welchen Kriterien hast Du die Musik ausgewählt (Stile, Epochen, Genre)?

 Als Dirigent habe ich vor allem während 40 Jahren Musik des 18.–20. Jahrhunderts für Sinfonieorchester, oft auch mit grossem Chor, dirigiert. Da der Stil der Architektur und die Geschichte der Kirchen unsere Programme der Musiktage Valendas bestimmte, hatte ich endlich auch Zugang zu älterer Musik oder zu Nischen, die man im grossen Konzertleben gar nicht füllen kann. Musik von Machaut, Josquin des Prez, John Dunstable, Guillaume Dufay, Orlando di Lasso, Claudio Monteverdi oder wie oben erwähnt William Byrd oder Dietrich Buxtehude und schliesslich zeitgenössische Musik von Freunden oder von mir selbst.

 Es scheint, dass Du ziemlich viel eigene Musik aufgeführt und für die Musiktage geschrieben hast.

 Das trifft zu, aber es sind immer Stücke, die in einem Zusammenhang mit der jeweiligen Thematik stehen wie mein „Alleluja“ für Solostimme, mein 5. Streichquartett („Postcards from Switzerland“) über Schweizer Volkslieder oder das Kleine Proprium Missae instrumental für Trompete, Violine und Viola, in dem die Instrumente für die Aufführungen in den entsprechenden Räumen möglichst weit von einander im Raum so aufgestellt werden sollen, dass die Dimension des Raumes akustisch erkennbar gemacht wird (z.B. in der Klosterkirche Disentis und in der Pfarrkirche Pleif von Vella). Aber ich versuchte auch, beim Brunnenfest mit dem Brunnenlied und dem Engihuus-Lied oder den „5 schrägen Ländlern“ für vier Celli irgendwie eine Synthese zwischen dem Fest und meinen kompositorischen Absichten herzustellen.

 

Ihr habt immer in Kirchen musiziert. In welcher Beziehung steht der sakrale Raum zur Musik? Was bedeutet es für Dich, weltliche Musik in einer Kirche aufzuführen? Gibt es für Dich überhaupt einen Unterschied zwischen weltlicher und geistlicher Musik?

 Musique Sacrée, Spirituelle Musik, ist an sich nicht konfessionell gebunden. In den biblischen und den liturgischen Texten wie auch in sakralen Texten, aber eben auch in Texten der Madrigale werden Geschichten erzählt oder Probleme angesprochen, die zutiefst menschliches Ringen beschreiben, Gefühle und wie man sie in eine Form bringt wie z.B. in Monteverdis „Sestina“. Ein anderes Beispiel: Die Texte von Brahms’ Marienlieder sind eine merkwürdige Mischung zwischen 15.,16. und 17. Jahrhundert mit einer „modernen“, archaisierenden Zeit des 19. Jahrhunderts um Brahms, die der Komponist ähnlich wie Volkslieder eben als Geschichten auch in der protestantischen Kirche erzählen kann. In einer Saison haben wir die Mariengesänge von den Quellen bis zum Stabat Mater von Haydn aufgezeigt. Oder wenn wir den vertonten Text des Vaterunsers über acht Jahrhunderte, vom gregorianischen einstimmigen Gesang bis zu Strawinskys „Pater noster“ aufführten, waren wir uns bewusst, dass dies der einzige Text ist, der in allen christlichen Religionen in ähnlicher Gestalt erscheint und eine Art Verhaltenskodex beschreibt, der über Jahrhunderte unsere Kultur bestimmt hat. Wenn wir in Leis über Vals an den Wänden die Heiligenbilder sehen, die da in rauer, ländlicher Art aufgemalt wurden, ist das ein vergleichbares visuelles Gebet: Helft uns und beschützt uns vor der Gewalt der Natur (der heilige Andreas vor dem Wasser z.B. oder der heilige Jakobus, der die Wanderer beschützen soll).

William Byrd hat nur drei Messen geschrieben, diese aber mit Meisterschaft und Überzeugung. Seine enorme musikalische Persönlichkeit hat ihn als überzeugten Katholiken wohl vor der Verfolgung durch die anglikanische Kirche im 16. Jahrhundert in England gerettet. Seine Messen wirken nicht funktional konfessionell, sondern sie überzeugen als Zyklus, der im Gebet Archetypen unserer menschlichen Bedürfnisse ausdrückt.

Wenn dann in Versam das Vorhandensein eines Klaviers uns von der kirchlichen Idee etwas entfernt, denken wir an Mozarts Klavierkonzerte, der sich damit von der Tätigkeit als Kirchenmusiker in Salzburg absetzte. Seine Instrumentalmusik und sogar seine Opern sind als Musik nicht grundlegend anders als seine Kirchenmusik. „Sein“ Sprung ins Weltliche ist ganz analog zu Bach, wo die Texte und der Ort der Umgebung vor allem bestimmen, ob die Musik eine geistliche oder weltliche Tönung annimmt.

Das Sakrale und das Profane unterscheiden sich wohl eher im Stil der Musik und ihrer funktionalen Zuordnung. Vielleicht ist das Sakrale auch mehr sprachbestimmt und das sog. Profane mehr körperlich, wie es sehr schön in Debussys Danse sacrée et Danse profane herausgearbeitet ist. Wir müssen heute aufpassen, dass sich die positiven Seiten des Christentums gegenüber dem Fundamentalismus (den es natürlich im Christentum auf allen Seiten auch gibt und gegeben hat: z.B. bei Calvin und Servet auf der protestantischen und in der Inquisition auf der katholischen Seite) hinüberretten können zu einer sakralen Einstellung, die über den Konfessionen steht. Durch diese Grosszügigkeit wäre unsere Kultur dann auch eine Alternative zu den extremen fundamentalistischen religiösen Richtungen, die uns zur Zeit das Leben so schwierig machen.

 

Durch die Jahrhunderte hat sich das Verhältnis von Musik und Text in der Vokalmusik gewandelt. Welcher Stellenwert hat für Dich das Wort in der Musik, v.a. in den Musiktagen Valendas, wo immer Chormusik im intimen Rahmen eine grosse Rolle gespielt hat?

 Ich muss da als Komponist etwas ausholen. Der grosse polnische Komponist des 20. Jahrhunderts, Witold Lutoslawski, hat in seinen Gesprächen mit dem Musikwissenschaftler Tadeusz Kaczinky das Verhältnis Musik und Sprache einmal sehr gut beschrieben: Er unterteilt die Texte in zwei Kategorien: in Poesie des Gedankens und in die Poesie des Fühlens und des Bildes.

Es gibt Werke, die des Komponisten Leben einfacher machen und andere, die es erschweren... Dies geschieht z.B., wenn die Art der Poesie sich nicht einfach zum Singen eignet. Die Poesie des Gedankens fällt in diese Kategorie. Die Poesie des Fühlens und des Bildes ist offensichtlich viel einfacher. Rigide und regelmässige Prosodie ist hart für den Komponisten. Er muss versuchen, diese Regelmässigkeit, die in klassischer Dichtung natürlich erscheint, aber für die Umsetzung in Musik unerträglich ist, zu durchbrechen. Zudem ist es nicht nur die Form einer Dichtung, sondern auch der Inhalt, der die Verwendbarkeit eines Textes bestimmt... Der Text sollte den Zuhörer (ergänze: durch die Musik) mit grösserer Kraft erreichen.“

Was hat das mit Deiner Frage zu tun? Nehmen wir ein Beispiel: In den Musiktagen 2015 haben wir eine Kantate von Buxtehude aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts aufgeführt. Der Text entspricht einem protestantischen Choral, der mehrstimmig sozusagen musikalisch gesprochen wird und dessen Melodie einfach und eingängig sein muss, damit er der Funktion gerecht wird. D.h. er muss von einer Gemeinde gesungen werden können, welche die Melodie im Ohr hat, aber mit der Harmonie nicht überfordert werden darf. Wie kann man da den Text durch die Musik eindringlicher machen? Buxtehude nimmt die instrumentalen Zwischenspiele zu Hilfe, die in einer gewissen Art ziemlich frei und ungestüm den Text „ausdeuten“ in der Art des ‚Stile fantastico’, der improvisatorische Elemente und Freiheiten zulässt, die im Choral niemals zu realisieren sind. Den „Text der Gedanken“ belebt er in den Zwischenspielen mit einer Art „Poesie des Fühlens“ und macht so ein bewegendes und farbiges Musikstück aus einem eher puritanischen und rigiden Text.

Die stilistischen Äusserungen gesellschaftlicher Formen haben sich geändert, nicht aber das Verhältnis von Text und Musik. Wenn ich in meinem Alleluja den Text aus Thoreaus „Walden“ wähle: “The grand necessity, then, for our bodies, is to keep warm, to keep the vital heat in us” („Die grosse Notwendigkeit für unsere Körper besteht darin, die lebensfördernde Wärme in uns zu bewahren“) ist das zwar auch ein Text des Gedankens, aber er lässt enormen Spielraum, musikalisch Vitalität und Wärme klanglich zu ergänzen, sodass der Text uns mit „grösserer Kraft“ erreichen kann.

 

In einer so heroischen Umgebung wie dem Bündner Oberland und in seinen so prächtigen Kirchen könnte die Wahl auf thematisch passende Programmmusik nahe liegen. Was kannst Du uns zur (illustrierenden) Programmmusik und zur (abstrakten, ungegenständlichen) absoluten Musik sagen.

 Das ist eigentlich keine Thematik, die mich interessiert. Das ist eine vergangene Thematik. Musik soll sich selber in ihren eigenen Gesetzmässigkeiten ausdrücken und nicht etwas anderes beschreiben, obwohl natürlich im Gefühl immer ähnliche Emotionen dahinter stehen können. Ein Beispiel: Im Programm in Falera spielten wir den Streichquartettsatz von Schubert. Dieser passt ganz ausserordentlich zum Inhalt des Bildes des „Jüngsten Gerichts“. Seine eruptiven musikalischen Ausbrüche, seine Dramatik treffen sich emotionell irgendwie mit dem Grundgefühl, das einen beschleicht, wenn man diese bildlichen Szenen anschaut. Aber dies ist weit weg von einer Nachahmung oder Beschreibung. Beides, der Quartettsatz und das Bild, bestehen – auch bezüglich ihrer unterschiedlichen Qualität – für sich selber. Aber das, was sie im Zuhörer oder Betrachter auslösen, könnten gewisse ähnliche Emotionen sein. Vom naturwissenschaftlichen Gesichtspunkt aus dürften sie vielleicht ähnliche Gebiete im Gehirn aktivieren, wer weiss.

 

Was habt Ihr Euch denn gedacht bei der Auswahl der Musik für die Pfarreikirche Pleif in Vella, wo das grosse Schlachtgemälde von Lepanto hängt?

 Die alte Pfarreikirche des Tales, deren Fundamente weit ins Mittelalter zurückgehen, wurde im 17. Jahrhundert barockisiert. Dazu passt auch das grosse Schlachtgemälde, das den Kampf der Christen gegen die Osmanen darstellt, die eben Zypern erobert hatten. Die Seeschlacht bei Lepanto (1571) mit dem Sieg der christlichen Flotte stoppte damals den osmanischen Einfluss. Bei den christlichen Söldnern war wohl auch ein Vertreter aus Vella dabei. Auf jeden Fall prägt das grosse Gemälde, das Giovanni Battista Macholino 1630 gemalt haben soll, eine ganze Wand der Pfarreikirche. Wir fanden dazu passend als Musik der Zeit: die besänftigende Musik des Glaubens von William Byrd, der zur Zeit der Schlacht 28 war und die barockisierende prunkvoll dramatisch bewegte Musik von Henry Purcells „Fairy Queen“, der knappe 30 Jahre nach der Entstehung des grossen Schlachtenbildes zur Welt kam.  Dass dies englische Komponisten waren (beide stark beeinflusst von italienischer Traditionen und italienischen Lehrern) spielt in der schon damals sehr vernetzten, wenn auch langsameren Zeit keine Rolle. Die Musik lässt diese Architektur und die dazu gehörige Innendekoration lebendig werden.

 

Und in der kleinen Kapelle Camp von 1685 ?

 Am Dorfeingang von Vals steht ein Gebäudeensemble mit Bäumen, das seine einzigartige Wirkung immer noch ausstrahlt: im Zentrum die kleine Kirche von Camp von 1685. Was wäre hier nahe liegender als die Aufführung der unglaublichen Passacaglia für Solovioline aus den historisch zeitgleichen Rosenkranzsonaten von Heinrich Ignaz Franz Biber mit ihren zahlreichen Variationen über einem immer gleich bleibenden Grundmodell, ohne dass diese Wiederholung je langatmig würde: ein Ausdruck von Lebensfreude und Gefühlen über einem stets gleichbleibenden Gesetz in einer erstaunlich intimen Gebäudedimension hoch in den Bergen.

 

Das Publikum der Musiktage Valendas ist in einzelnen Kirchen kaum zahlreicher als die Musizierenden. Was bedeutet das für Dich?

 Wir machen Musik in erster Linie für uns selbst. Natürlich freuen wir uns auch, wenn wir mit unserem Engagement auch unsere Zuhörer motivieren und animieren können, was uns mit einem wertvollen Freundeskreis, der uns treu ist, gelungen ist. Wir wollen auch in intimen Räumen musizieren. Man muss das Private nicht immer nach aussen kehren. Man muss dazwischen auch mal zu sich selber finden, ohne das Grosse dabei zu verachten. Bei Zeitströmungen, die das leicht Zugängliche, Populäre, manchmal auch Populistische fördern, muss man manchmal auch in die Tiefe gehen. Unser quantitativ kleines Publikum bringt ein gewisses qualitatives Grundwissen und eine Grundneugier mit. Die Grösse des Publikums ist nicht weniger als diejenige für zeitgenössische Musik in den grossen Städten. Dafür ist es nie ein Publikum, das kommt, weil es sich gesellschaftlich profilieren will. Der Eintritt ist frei, aber eine Kollekte unterstützt uns. Wenn man in Camp (Vals) oder in Clugin (zwischen Zillis und Andeer) oder in der Capluta Son Benedetg in Sumvitg singen will und diese Räume mit Klängen erfahren möchte, kann das nur in einem intimen Rahmen stattfinden, der nur mit viel Freiwilligkeit neben hart erkämpften Sponsorengeldern und privater Eigenfinanzierung ermöglicht wird. Das ist ein wenig eine Reaktion auf die grossen Rockkonzerte im Hallenstadion oder Opernaufführungen in Arenen. Diese gross angebende Musik ist auch in Ordnung. Sie deckt offensichtlich ein Bedürfnis ab und die Musik ist laut, rhythmisch aufreizend, also für die grosse Szene gemacht. Die Musik, die wir aufführen, ist nicht weniger leidenschaftlich, aber sie ist meist für viel kleinere Räume gedacht (mit Ausnahme der Klosterkirche in Disentis) und stellt sich in musikalischen Zwischenschattierungen mit raffinierten kleinen Retouchen dar, die in den grossen Arenen gar nicht zur Geltung kommen können. Wir musizieren sozusagen, wie Paul Klee es in seiner Maltheorie einmal genannt hat, aus dem ‚Zwischenreich’ heraus.

 

Ihr spielt und singt jedes Jahr am Mittwochabend auf dem Dorfplatz rund um und auch auf einer Plattform auf dem Brunnen. Da kann man kein stolzes klassisches Programm bieten. Was ist denn die Funktion des Brunnenkonzerts?

 Das ist unsere ‚grosse Arena’, hier achten wir mehr auf den sozialisierenden Unterhaltungswert, auf eingehende, einfachere Musik, auch auf Musik, an die ein nicht konzertgängiges Publikum anknüpfen kann, an Lieder aus der Gegend oder bekanntere Melodien oder auf das wunderbare laute ‚Schellen’ der einheimischen Treicheln, die von den Menschen hier geschwungen werden und mit denen die Einheimischen auch eindrückliche  Choreografien herstellen. Dann aber bringen wir auch Streichmusik hinein, Blasinstrumente und manchmal auch Opernarien und Songs, die auf dem freien Platz Emotionen hervorrufen, Stimmungen wecken für ein ganz und gar gemischtes Publikum. Hier sind die Zuhörer Einheimische, Touristen, Kinder und Grosseltern oder Freunde aus dem Unterland, die extra anreisen. Nähe, Körperlichkeit, Beleben einer Gemeinschaft bringen Schällafründ, Chor und Solisten, Politik und Kunst zusammen, um an dieser Gemeinschaft mit Spass teilzunehmen.

Man trinkt und isst und spricht miteinander. Wenn’s Wetter nicht will, geht’s manchmal auch in die Hosen (z.B. beim Tanzen auf dem Platz bei Nieselregen und einem Gichtanfall). Ich habe u.a. in der Carnegie Hall, dem Teatro Colon in Buenos Aires, dem KKL in Luzern, in neuen Sälen in Valencia und Madrid oder Danzig und Prag dirigiert. Hier scheint es, dass die Leute grad so viel, wenn nicht mehr Spass daran haben, uns zuzuhören, ohne dieses Etikett des „Berühmten“ zu kennen. Wenn anlässlich des Brunnenfestes jemand Tränen in den Augen hat, weil die Violine so schön spielt, ohne zu wissen, dass das eine ganz bekannte Geigerin ist, und gleichzeitig ein 16jähriger einen Tobsuchtsanfall hat, weil er schon wieder so einer Scheissgeige zuhören muss, finde ich das wunderbar. Da gibt es Begegnungen und Emotionen.

 

Ihr seid bisher an 26 Orten aufgetreten. Einzig in Valendas und Vals seid Ihr häufiger gewesen? Warum?

 Valendas ist unser Zentrum. Wir leben in einem der Marchion-Häuser, einem der Patrizierhäuser aus dem 18. Jahrhundert (das der Vater von Jürg Eichenberger renoviert hat und in dem uns die Familie Eichenberger grosszügig Gastrecht gewährt) und neuerdings auch im renovierten Türalihuus und bei privaten Vermietern. Die alte Kirche, deren Konstruktion mehrheitlich auf das 16. und 17. Jahrhundert zurückgeht, gibt uns einen idealen Rahmen für viele unserer Programme und der Verein Valendas Impuls gibt uns Gastrecht auf seiner Webseite. Durch unser jährliches Wiederkommen haben wir und unsere Freunde das Dorf kennengelernt und die Veränderungen aktiv und positiv wahrgenommen. Anderseits glauben wir auch, dass uns durch diese Begegnung die Dorfbevölkerung als ergänzendes Element wahrnimmt. Deshalb ist uns Valendas wie eine Art Zuhause geworden.

 Die Dorfkirche Vals, auch in einer Walser Gemeinde, steht uns durch unsere Mitsängerin und Mitorganisatorin Rosmarie Prica-Tönz, die aus diesem Dorf stammt, besonders nahe und in unserem letzten Konzert dort konnten wir auch ihrer Mutter gedenken, die noch aus dem alten Zervreila stammte, das jetzt im Stausee versunken ist. Also mit beiden Orten verbinden uns persönliche Bande. Daneben aber finden wir jedes Jahr neue Räume der Region, die voll ist von wunderbaren alten Kirchen, die auch klanglich wiederentdeckt werden wollen, um sie zu „besingen“. 

Damit möchten wir auch einen ganz kleinen ideellen Beitrag leisten im Sinne der Entwicklung, dass die vielen kleinen Gemeinden, die jetzt immer grössere Verwaltungseinheiten werden, auch kulturell zu einem grösseren Gemeinsamen zusammenwachsen. Um diese neuen Organisationsräume auch inhaltlich zu füllen, gingen wir nicht nur in der neuen Gemeinde Safiental zu den Nachbarn von Valendas (wie z.B. Versam), sondern auch nach Ilanz, nach Vella, nach Trun, nach Falera, Laax, Waltensburg, Disentis oder um die Ecke nach Präz, Cazis, Tomils, Splügen, Mistail oder ins Schanfigg nach Castiel oder nach Tschiertschen.

 

Was heisst „5 Jahre“ Festival ars braemia und was hat das mit den Musiktagen in  Valendas zu tun?

 Auch das hat persönliche Gründe. Vor fünf Jahren haben ein paar junge Musiker, die sich beim Spielen meiner ersten Oper über die art-brut-Malerin Aloïse kennengelernt hatten, den Verein „ars braemia“ gegründet, durch den wir gemeinsame Projekte verwirklichen (dazu gehören besonders die Harfenistin Julia Wacker, die dieses Jahr ein spannendes neueres Stück von Murray Schafer spielt, und der Dirigent, Traversflötist und Alte Musik-Spezialist Karel Valter). Die ars braemia-Festivals finden jedes Jahr an einem anderen Ort statt: so 2012 in Ariccia bei Rom, 2013 in Mikulov in Südmähren, 2014 rund um das Kloster Mariastein im Kanton Solothurn und 2015 in Bayrischzell in Bayern. Warum nicht diesmal die zwei Festivals zusammenlegen (zu einem kleinen „Doppelfestival“), um damit auch die Vereinsmitglieder in diese faszinierende Schweizer Gegend zu locken?

 

Der Titel der diesjährigen Musiktage Valendas heisst „Er-Innerung“. Etwas prätentiös, diese Trennung?

Ja und nein. Erstens ist das der Titel eines Solocellostücks von mir, das 1991 geschrieben wurde und im Zentrum meines ersten Streichquartetts steht, sozusagen im Innern. Da wird gleichsam das Innere nach aussen gekehrt. Das Stück baut sich auf einer ganz kleinen „alten“ Zelle auf, die aus Puccinis Streichquartettsatz „Crisantemi“ stammt, der am Anfang unseres ersten Konzerts in unserem diesjährigen Festival 2016 steht. Da wird sozusagen die Erinnerung – ohne dass die Herkunft zu erkennen ist – aufgearbeitet und kommt völlig neu daher. Trotzdem hat das Stück eine tiefere Verbindung mit der Vergangenheit. So haben wir alle Stücke in unserem diesjährigen Programm ausgewählt und manchmal sind es neue Kreationen mit alten Strukturen wie in dem neu-alten Stück von Thomas Leininger über Georg Bendas (18. Jahrhundert) „Ariadne“ und manchmal sind es originale Werke, die als Thema sich an Altes erinnern wie die Gottfried Keller-Texte in den „Alten Weisen“ von Hans Pfitzner oder – in ganz anderem Zusammenhang – die Schlussfuge in Haydns Streichquartett op. 20/5, mit welcher der Meister zeigt, dass er längst nach dem Absterben der grossen Fugenzeit immer noch fähig ist eine neue – und was für eine! – in seinem Streichquartett-Schlusssatz zu schreiben.

 

Noch etwas zu Euern Flyern und Plakaten: Sie wirken modern und zugleich knüpfen sie immer irgendwie an die Natur der Umgebung hier an. Wer ist Eure Grafikperson?

 Danke für die Frage. Das ist eine Art Projekt, das mich mit meiner jüngeren Tochter Janine Schwyzer-Bräm verbindet: Sie ist eine visuelle Künstlerin und wir liegen da auf einer sehr ähnlichen Linie dessen, was wir wichtig finden in der Verbindung von einer differenzierten inneren Idee, die trotzdem für ein grösseres Publikum verständlich ist.

 

Wie sieht die Zukunft der Musiktage Valendas aus?

Nächstes Jahr wird das Engihuus 500 Jahre alt (1517). Das wäre ein wunderbarer Aufhänger, sich Gedanken zur Musik zu machen ab dieser Zeit, ausgehend von den Chorälen und Tänzen von damals.

Weiter hinaus ist die Frage an eine fernere Zukunft eher an einen jüngeren Menschen zu richten, nicht an einen älteren wie ich. Ich lebe zur Zeit sehr in der Gegenwart und möchte auch nochmals mit meiner Generation Musik machen. Darum dieses Jahr die Begegnung z.B. mit Gion Balzer Casanova, Carli Scherer und Anna Maria Bacher. Gleichzeitig beziehen wir eine junge Generation ein: So musizieren die Chamber Soloists von Luzern mit Jürg Eichenberger und Markus Wieser an Cello und Bratsche und Elisabetta Parrella als Geigerin  mit einer neuen Generation, nämlich Ola Sendecki an der ersten Geige. Mit Lia Andres neben dem Bassbariton Peter Mächler, der uns seit Jahren begleitet, ist eine jüngere Sopranistin auch solistisch engagiert. Und im Hornquartett, das in der Skulptur „Ogna“ von Mathias Spescha in Trun spielen wird, interpretiert mein alter Freund Jakob Hefti (der bis zu seiner Pensionierung in der Tonhalle Zürich und an der Musikhochschule Luzern als mein Kollege tätig war) mit drei seiner ehemaligen Studenten ein neueres Stück von mir. Inzwischen wird auch mein jüngerer Kollege Karel Valter das diesjährige Eröffnungskonzert dirigieren.

 

Es wäre schön, wenn die Musiktage weiter gingen, dafür braucht es aber eine Bereitschaft  nicht nur zum Musizieren, sondern auch zum Organisieren, zum Vernetzen, zur Geldbeschaffung, für die Unterkunft zu sorgen. Da muss man kontinuierlich aktiv sein, das braucht Arbeit das ganze Jahr hindurch und das Pflegen persönlicher Kontakte. Das Gasthaus am Brunnen hat zweimal die Belegschaft geändert und ist nun mit ganz neuen Vorzeichen ins Engihuus gezogen. Das braucht immer Anpassung von allen Seiten, aber die Veränderungen haben sich bis jetzt immer bewährt, warum auch nicht in Zukunft? Es geht nur mit Idealismus und Menschen, die sich freuen, zusammen diese Arbeit zu machen, die Begegnungen herbeiführen möchten, künstlerisch und menschlich, und sich deshalb auch dafür einsetzen, ohne dabei materiell etwas zu verdienen. Gottseidank habe ich immer solche Menschen um mich gehabt und ich bin ihnen sehr dankbar. Besonders dankbar bin ich aber den Chormitgliedern, die über all die Jahre mitgesungen, mitfinanziert und die Ideen engagiert mitgetragen haben. Mit einigen von ihnen verbindet mich eine bereits über mehrere Jahrzehnte dauernde Freundschaft.

 

Basel, im Juli 2016

 

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