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“Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar” (Paul Klee)


Zur Entstehung des Stücks “Shapeshifting” (7 Bagatellen für Grosses Orchester) von Thüring Bräm:

Als Michael Kaufmann mich fragte, ob ich für die Junge Philharmonie Zentralschweiz, dem Orchester der Hochschule Luzern,  ein Stück im Zusammenhang mit dem Jahr 1915 schreiben wolle, war ich einigermassen erstaunt. Bricht doch die “grosse” Kompositionsproduktion im deutschsprachigen und französischen Raum in diesem Jahr geradezu ein: die Wiener schreiben praktisch nichts (Webern, Berg und Schoenberg), weil sie alle zum Militär gerufen werden (oder sich freiwillig melden) und auch die Franzosen sind alle anfänglich wie die Deutschen mit Begeisterung an der Front. Die eigentliche Wende zur Katastrophe zu einem langen und verlustreichen Krieg findet erst in diesem Jahr statt. Richard Strauss- weniger interessiert am Krieg und der politischen Situation - schreibt noch ein Werk fertig, das er zu seinen besten zählt: die mächtige Alpensinfonie, die – wie mir der Leiter der Musikhochschule versicherte – Teil des Konzertes sein sollte, in dem mein Werk zur Uraufführung bestimmt war. 
Ich setze mich gerne mit Einschränkungen auseinander – sie regen an. Wie könnte ich auf 1915 reagieren, was weiss ich darüber, wie könnte ein musikalischer Dialog mit der “Alpensinfonie” aussehen?

Die erste Reaktion war, kleine Gebilde zu schreiben, die gegenüber der grossen einsätzigen 50minütigen Alpensinfonie einen Kontrast setzen könnten: Bagatellen. Kleinigkeiten, wie sie meist im Umfeld von mächtiger Lava zu finden sind (gemäss Klees zarter Zeichnung, die er “Gewisse kristallinische Gebilde, über die eine pathetische Lava letzten Endes nichts vermag” nannte). Als Basis für mein neues Stück dienten mir die 7 Bagatellen für Klavier, die ich 1979 geschrieben hatte, in denen ich mich auf Beethovens gleichnamige Werke (drei Zyklen), insbesondere op.119 (geschrieben zwischen 1790 und 1823) und auf Weberns Streichquartettstücke von 1913 bezog. Einige davon haben durchaus einen experimentellen Charakter – entweder durch ihre Kürze (Nr.7) oder durch abrupte ‘Eskapaden’ wie Nr.11, die beide aus unterschiedlichen Gründen zum Vorbild wurden, die erstere durch ihre Gestik, die letztere durch ihren formalen Bruch, der eine grossangelegte Entwicklungsmöglichkeit abrupt verweigert.

Nun ging ich daran, auch die “Alpensinfonie” näher zu analysieren, mit deren der Entstehungszeit entsprechenden überhöhten Teilen ich immer Mühe hatte, fand jetzt aber neben einer raffinierten Instrumentierung auch sehr faszinierende, “modernere” Teile vor, welche Grundlage sind, die Riesendimensionen überhaupt mit Spannung zu füllen. Was mir subjektiv problematisch erschien, war der Naturbezug, die “Programmgeschichte”, die ganz aus Naturmetaphern besteht (Beethovens Pastorale lässt natürlich grüssen). Und irgendwie war es paradox, dass sich sowohl Strauss als auch ich mich auf Beethoven bezogen, aber eigentlich in ganz konträrem Sinn. Mich interessierte das Knappe, Typische, Abweichende an Beethoven, Strauss offensichtlich die grosse Architektur und die emotionale Bindung an naturähnliche Vorstellungen.
Bei Strauss gibt es Titel – wie z.B.: “Die Sonne verdüstert sich allmählich” : Was für eine (wohl ungewollte?) Metapher für das Weltgeschehen um 1915 oder “Durch Dickicht und Gestrüpp auf Irrwegen”. Dies sind zugleich die Stellen, die mich an dem Stück am meisten faszinieren, weil sie vom grossen Dominant-Tonika-Zentrum wegrücken. 

Als Gegenpol zur deutschen Kultur um 1915 habe ich mich auch im französischen Bereich umgesehen: Debussy, schon totkrank, schreibt in diesem Jahr ein kleines Werk, das mir bisher unbekannt war: “Noël”, ein Kinderlied für Weihnachten 1915. Auch der Text stammt von Debussy und zeigt seine Besorgnis: “Les ennemis ont tout pris, tout pris jusqu’à notre petit lit qu’est-ce qu’on va faire?” “Die Feinde haben alles genommen, alles genommen, samt unserem kleinen Bett, was sollen wir tun?” Die Kinder brauchen keine Spielzeuge für Weihnachten, nur etwas zu essen. “Tâches de nous redonner le pain quotidien.” “Versuche, uns unser tägliches Brot zurückzugeben.”
Die musikalischen Motive über diesen Texten tauchen in meinem Stück manchmal erkennbar, manchmal weniger als Erinnerungssignale auf. Die letzte Bagatelle nimmt aber direkten Bezug auf Beethovens op.119 , einen choralartigen 4stimmigen Satz, der auch in Beethovens Stück unvermittelt abbricht und hier als pars pro toto für einen übergeordneten Wechsel der Erscheinungsgestalt erscheint – so wie es mir das Jahr 1915 als typische Eigenschaft anzuzeigen scheint.

Der zitierte Untertitel von Strauss:“Die Sonne verdüstert sich allmählich”, wäre ein brauchbarer Titel für meine Stücke gewesen, aber das ist eine zu konkrete Metapher und bezieht sich auf eine allgemeine lineare Veränderung. Meine Stücke stehen aber als Formblöcke nebeneinander, die durch ihre Kontraste die Idee einer plötzlichen Verwandlung behandeln. “Shapeshifting”- “Formwandlung” nennt man die Verwandlung von menschlichen Wesen in tierische und umgekehrt. Meist ist diese Verwandlung, wie sie auch in den indianischen amerikanischen Kulturen vorkommt, eine gegensätzliche und zeigt eine hässliche und eine schöne Seite auf. Für 1915 kann so der Gestaltwandel auch in übergeordnetem Sinne als Kulturwandel dargestellt werden: Eine Kultur wird massgeblich zerstört und muss nach und nach in eine andere verwandelt werden, wie wir sie im literarischen Bereich der Zeit in  “The Beauty and the Beast” oder in Franz Kafkas Erzählung “Die Verwandlung” (1912 geschrieben und 1915 veröffentlicht) finden.


Franz Kafkas Gregor Samsa wacht eine Morgens verwandelt als hässlicher Käfer auf. Wenn man dies in die Kriegssituation von 1915 überträgt (oder in irgendeine durchaus aktuelle Kriegssituation), heisst das nichts anderes, als dass neben der menschlichen Seite auch eine bestialische in jedem Wesen existiert, wodurch sich eine gewisse Bi-Polarität unserer Existenz, auch der musikalischen abendländischen, beschreiben lässt. So weisen meine Bagatallen durchaus ganz kurz auf Zustände der Zerbrechlichkeit (eher kammermusikalisch orientiert) hin, tönen aber an anderen Stellen durchaus auch “eine pathetische Lava” an. Im Gegensatz zu einer linearen Entwicklung von a nach b in der Strauss’schen Architektur, stehen bei mir sieben kürzere und längere Formblöcke neben einander. Das musikalische Grundmaterial stammt aus den oben genannten Quellen  (Erinnerungen an Beethovens Bagatellen, an Debussys Lied “Noël” und aus vier Höhepunktakkorden wichtiger Orchesterwerke, die alle 1915 sozusagen ‘vorbereiten’: Alban Bergs “Altenberglieder” (1912) Mahlers 10.Sinfonie (Adagio, 1910), Strawinskys “Sacre du printemps”(1913) und eben Strauss’ “Alpensinfonie”(1915)). Als Metapher für den Zerfall eines Systems steht dabei – wie oben angetönt - Beethovens Bagatelle op.119/11 am Schluss. So, wie in früheren Fotoaufnahmen, in denen fälschlicherweise durch mehrere Auslösungen das gleiche Bild sich immer mehr verwischt hat, wird hier das Original durch zeitverschobene Übereinanderschichtung und kanonisches Verschieben des gleichen musikalischen Textes immer undeutlicher. Der Zerfall des “Chorals” ist schon in Beethovens Original durch eine Art melodischer Kadenz angedeutet, die im Grunde überhaupt nicht zur Geschlossenheit eines Chorals passt. Eine Vorahnung für das Verschwinden einer Ästhetik, wie sie in aller Härte nicht nur in die Zeit des Wiener Kongresses 1815 passt, sondern auch den Vorgängen von 1915 durchaus entspricht. Wo Strauss noch an die Monumentalität seiner Alpenästhetik als Vorbild eines grossen Musikgemäldes glaubt, entsteht hier mit der Kleinform der Bagatelle ein Gegensatz zu dieser Überhöhtheit. Nicht Äusseres abbildend, sondern Inneres sichtbar machend. Und dies immer unter dem Aspekt eines schnellen Wandels  der Gestalt (eben “Shapeshifting”).
Das sind Gedanken, wie sie neben vielen anderen meine musikalische Erfindung angeregt haben. Vergessen Sie das jetzt alles und versuchen Sie, einfach zuzuhören…

3/Thüring Bräm, Basel im Oktober 2014