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Grusswort zu 30 Jahre Filiale Kleinbasel der Musikschule der Musik-Akademie Basel im Kolpinghaus vom 15.September 2012

Verehrte Anwesende

Es freut mich, dass Sie an mich als einen der Mitbegründer dieser Schule auch nach 30 Jahren noch gedacht haben. Lassen Sie mich als Grusswort zu diesem schönen Jubiläum einfach ein paar Gedanken äussern.

Am Anfang dieses Festes heute hat der Chor Kolibri gesungen, der mit seiner Leiterin Sabine Wöhrle eben den Basler Integrationspreis gewonnen hat. Darauf bin ich sehr stolz, nicht nur weil Sabine Wöhrle einmal meine Studentin war, sondern weil es ihr gelungen ist, die Grundideen, die damals zur Debatte standen und die ich später näher beschreiben werde, mit Energie, Überzeugung und Humor zu verwirklichen. Zufällig habe ich vor ein paar Wochen am Radio die Sendung gehört, in der ihre Arbeit beschrieben wurde und hatte dabei grosse Freude, wie sie die Kleinbasler Eigenheiten positiv ausschöpft, in einer echt multikulturellen Gesellschaft wirkt und neben den sozialen Faktoren, dem gemeinsamen Singen, dem sich sprachlich und kulturell gegenseitigen Animieren, dem Freundeschaffen und Freudeschaffen auch die künstlerische Ambition nicht vernachlässigt, dies g u t zu tun. Dass der Chor hier auftritt, ist umso schöner, weil dieser Auftritt davon zeugt, wie die Musikschule im Kleinbasel und die öffentlichen Schulen mit ihren Grundkursen sich in ihrer Zusammenarbeit so prächtig entwickelt haben. Es ist zu hoffen, dass auch die neuen Reformen von Harmos dieser Entwicklung Rechnung tragen.  
Sie alle, die an diesem Aufbau mitwirken, hätten einen solchen Preis verdient, der dieser Stadt am Dreiländereck am Rande der Schweiz eine doch zutiefst schweizerische Note verleiht: nämlich dass es möglich ist, dass viele Kulturen miteinander leben können, ohne sich umzubringen, wenn man auf dieser praktischen zwischenmenschlichen Stufe im eigentlichen Sinne zusammenspielt, statt sich aufhetzen zu lassen.

Wie kam es zu dieser Kleinbasler Musikschule unter dem Dach der Musik-Akademie?
Damals vor über dreissig Jahren gab es lange Wartelisten und der Anteil von Kindern aus dem Kleinbasel an der Musikschule war wesentlich kleiner als aus anderen Quartieren. Die Schwellenangst gewisser Bevölkerungsschichten aus dem Kleinbasel, im Grossbasel Instrumentalunterricht zu besuchen, war offensichtlich vorhanden, obwohl ich damals ab und zu ein paar mutige türkische, portugiesische, spanische oder italienische Väter in der Sprechstunde hatte, die sich erkundigten, was die Musik-Akademie eigentlich anbiete. Natürlich unterschied sich die Art Musik, die wir anboten, oft von dem, was sich die Leute gewohnt waren. Aber warum sollte nicht auch einmal ein begabtes türkisches Kind Violine spielen lernen, das Instrument, das wir nicht hätten, wenn nicht der Streichbogen im Mittelalter eben aus dieser Gegend zu uns gekommen wäre?

Paralell mit dem Aufbau der Grundkurse in den Primarschulen (von 1975-1980) und dem Aufbau der Filiale Riehen beschlossen wir damals, zu den Leuten hinzugehen und auch eine Filiale Kleinbasel zu gründen. Da waren harte politische Verhandlungen nötig, denn die Realisierung brauchte politischen Willen und Finanzen – und Räume. Als Leiter der Musikschule, der ich seit 1973 vorstand, war ich eines Tages der politischen Trägheit überdrüssig, da sich die Verhandlungen mit Erziehungs- und Baudepartement immer wieder verzögerten. Da bat ich meinen administrativen Kollegen Eduard Desax, er möge mich doch für einen Tag auf einen Spaziergang durch das Kleinbasel begleiten, um Ausschau zu halten, ob die Meinung des Baudepartements, es stünden keine geeigneten Objekte zur Verfügung, wirklich zutreffe. Wir setzten uns zu einem Kaffee oder Bier in eine der vielen Beizen, die damals oft der Warteckbrauerei gehörten und begannen mit den Leuten zu sprechen und nach frei stehenden oder demnächst zum Verkauf angebotenen älteren Objekten zu fragen. Das war eine Art Detektivarbeit mit vielen Erlebnissen, die ich Ihnen hier nicht alle erzählen will. Wir endeten mit über 20 möglichen Objekten. Z.T. waren die Gebäude noch in gutem Zustand, aber der Spekulation ausgesetzt, drei schöne alte Häuser der Jahrhundertwende (um 1900) standen z.B. leer mit geöffneten Dachfenstern, sodass der Regen das Haus möglichst schnell der Abrissbewilligung zuführen würde. Drei weitere Objekte (auch eines der Stadt gehörend) untersuchten wir genauer. Wir wurden nicht konkret fündig nach allen Abklärungen, aber durch die Suche ergab sich plötzlich eine andere Lösung. Wir wurden auf die Kolpinggesellschaft aufmerksam und gelangten dadurch zu Verhandlungen u.a. mit Herrn Appius über das Kolpinghaus. Dann ging alles erstaunlich schnell, auch politisch.
Der Ratschlag passierte den Grossen Rat und in der Ausführung gab es viele erfreuliche kreative Details. Hedy Hoffert, meine höchst effiziente Mitarbeiterin im Sekretariat der Musikschule, war einverstanden, die administrativen Probleme der jungen Schule zu lösen. Und natürlich müsste ich an dieser Stelle auch zahlreichen anderen LeiterInnen (wie u.a. Sylvia Eichenwald und dem nachhaltigen Emanuel Arbenz), Sekretärinnen und Lehrpersonen danken, die in diesen 30 Jahren massgeblich mitgewirkt haben, die ich z.T. gar nicht mehr kenne und die auch mich nicht mehr kennen.

Rückblickend muss ich sagen , dass ich sehr begünstigt war durch ein ausgezeichnetes Leitungsteam an der Musik-Akademie mit einem Basler Direktor an der Spitze, Klaus Linder, der die lokalen Gegebenheiten von innen heraus kannte, und einem politisch engagiert durchgreifenden deutschen Kollegen, Friedhelm Döhl als seinem Nachfolger, einer finanziell guten Situation des Kantons und einer grossen Unterstützung aus der Bevölkerung.
Die Erfolgsstory des Hauses Kleinbasel ist der nachhaltigen Arbeit eines grossen Teams zu verdanken, das sich 30 Jahre lang für das Haus und die Benützer des Hauses eingesetzt haben. Im Alltag mögen viele Details immer wieder zu Besorgnis Anlass sein.

Ich möchte Ihnen aber Hoffnung machen. Geben Sie nie auf. Suchen Sie immer wieder nach zeitgemässen Lösungen. Musiker und Musikpädagogen sind nicht überflüssig, das musikalische Denken ist eine Tatsache wie das kognitive Denken. Es hat seine eigenen Regeln und lädt zum Spiel ein. Wenn Sie ein Kind durch Anschlagen eines Tons am Klavier zum Denken in Tönen verführen, einen Jugendlichen durch gemeinsamen Gesang musikalisieren oder jemanden anleiten, seine Energien durch das Schlagzeugspiel in eine musikalische Form umzusetzen, wird dies die sinnlichen und künstlerischen Dimensionen entwickeln. Wenn Sie mehrere Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene und Senioren zum Ensemblespiel bewegen können, wird sich das Sozialverhalten entwickeln, ohne dass Sie alles immer wieder in Worten ausdrücken müssen. Und dies wird sich auch im Zusammenleben auf den Alltag abfärben.
Welche Musikstile Sie benützen, ist weniger wichtig, als dass Sie I h r e n Stil, der Sie überzeugt, in der Tiefe mit Ihren SchülerInnen ausloten. Jede Zeit hat ihre Vorlieben, ihre Gesetze und ihre Bedingungen. Es gibt immer eine Gratwanderung zwischen unserer Funktion der “Kulturküche” , in der wir neue Gerichte zubereiten und zubereiten sollen, und den Trends der Zeit. Ich denke, ein Musikunterricht, der individuell auf Menschen eingehen kann, ist eine wesentliche Insel der Entschleunigung in der heutigen Zeit. Auf dieser Insel muss man Zeit haben, sich von Mensch zu Mensch ernstzunehmen. Die Strukturen, über die wir ständig reden, sind insofern von Bedeutung, dass wir uns darin unsere Freiräume organisieren können, in denen die Menschen agieren. Die Strukturen wechseln. Das Nebeneinander von Berufs- und Laienschule ,wie es in Basel zu finden ist (und gerade wieder im Pädagogiksymposium der letzten Tage hautnah zu erleben ist) garantiert Qualität und soziales Engagement. Jede Generation braucht ihre strukturellen und inhaltlichen Erneuerungen, ihr neues Haus in übertragenem, aber auch wörtlichem Sinn (wie der Jazz an der Utengasse), ihre Neudefinitionen. Das Glück aber, sich mit Klängen spielerisch betätigen zu können und dies auch zusammen von Mensch zu Mensch, bleibt eine Konstante. Und je höher das künstlerische Niveau und je ernsthafter die soziale Komponente, desto sinnvoller ist unsere Arbeit. Lassen Sie uns hoffen, dass unsere Gesellschaft dies auch so sieht und dass die, die uns politisch lenken, uns die Mittel weiterhin zur Verfügung stellen. Ich wünsche Ihnen und Ihrem neuen Leiter bei Ihrer Arbeit viel Erfolg.

Thüring Bräm 22.August 2012/15.September 2012
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