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Ost und West treffen sich

veröffentlicht um 24.09.2011, 01:25 von Karel Valter

Auch eine Art ‚Übergänge’


Im Jahre 2004 meldete sich bei mir eine chinesische Musikerin und fragte mich, ob sie mir ihr Instrument vorspielen und erklären dürfe. Wie sich später herausstellt, handelte es sich um die führende Pipaspielerin Yang Jing, die aus persönlichen Gründen in die Schweiz übersiedelte. Sie erklärte mir, dass sie ihre Instrumente und ihre chinesische Kultur hier bekannt machen möchte und gleichzeitig lernen möchte, wie wir in der Schweiz als Komponisten mit diesem Instrument umgehen würden. Sie stellte mir die Pipa, ein aus dem chinesischen 7./8. Jahrhundert stammendes lautenähnliches Zupfintrument vor, das damals entlang der Seidenstrasse gespielt wurde.
Ob ich etwas schreiben würde? Ich erwiderte, dass meine Kenntnis der chinesischen Kultur ausserordentlich rudimentär sei und dass ich das Instrument und die Art, darauf Musik zu machen, überhaupt nicht kenne. Gerade das sei das Faszinierende: Ich solle nicht das schreiben, was man als Cliché von dem Instrumente erwarte, sondern etwas ganz Neues, aus meiner Sicht, aus meiner Faszination der Klanglichkeit.
Als Verantwortlicher der klassischen Abteilung der Musikhochschule Luzern schrieb ich auch regelmässig Kolumnen in die damalige hauseigene Zeitschrift MHSaktuell. Bei einer dieser Kolumnen handelte es sich um ein Interview mit Yang Jing, das unsere Begegnung illustriert. Ich gebe hier Ausschnitte aus diesem dann in meinem Buch InterViews (Luzern 2005) veröffentlichten Gespräch wider:

Yang Jing (YJ):
Instrumente wie die Pipa entwickelten sich traditionellerweise als individuelle Instrumente. Später wurden diese Instrumente in Ensembles der Oper benutzt. Es gab kein Sinfonieorchester, die Menschen spielten nicht in grossen Gruppen zusammen. Durch den Einfluss Russlands wurden in den 50-Jahren in China die ersten Orchester gegründet. So ist auch das Staatsorchester für Chinesische Musik dem grossen Sinfonie-Orchester nachgebildet. Jede Generation wechselte in China die Kultur. Jede Generation möchte einmalig sein. Ich setze alle meine Kraft dafür ein, dass die Pipa wieder ihre Stellung als Solo-Instrument einnehmen und in der modernen Form des Solo-Konzerts auftreten kann.

Thüring Bräm (thb): Gibt es also eine Art kulturellen Generationenkonflikt? Einen Konflikt zwischen Tradition und Fortschritt?

YJ:
Ich beschränke mich auf das musikalische Gebiet. Vielleicht muss ich da etwas zur Ausbildung sagen. Die Ausbildung bestand aus dem Erlernen der traditionellen Stücken für ein traditionelles Instrument.  Alle Stücke müssen auswendig gelernt werden. Aber am Konservatorium hatte ich gleichzeitig ein Examen in Harmonielehre und Gehörbildung in der europäischen Art zu absolvieren. Unsere Tonleitern sind nicht geeignet für die westliche Art des temperierten Spielens und unsere Musik wird demnach anders geschrieben als die westliche. Aber so wie unsere 56 Arten des Denkens eingeschränkt wurden auf eine Sprache, das Mandarin, ohne deren Kenntnis man keine Stelle finden kann, so wurde auch das Tonsystem auf das internationale, uniforme westliche Skalensystem reduziert.

thb: Also wie in Japan?

YJ:
Nicht ganz so stark. Wir setzen uns mit beiden Aspekten auseinander. Als ich mein traditionelles Instrument lernte, schränkte mich mein Lehrer sehr stark ein.  Einige alte Meister sagen::“Ich bin die Tradition, Du bist falsch“. Aber ich hatte die Chance, die alte Chinesische Musik zu lernen. Und nun versuche ich meine Art, einen eigenen Weg zwischen der Tradition der alten chinesischen Musik und der  westlichen Kultur zu finden.

thb: Und deswegen suchen Sie nach neuen Stücken?

YJ:
Deswegen möchte ich Komponisten dazu anspornen, für dieses wundervolle Instrument zu schrieben...

thb: Komponisten, die also vom Instrument und seinen klanglichen Möglichkeiten inspiriert werden, ohne die Tradition und die kulturelle Umgebung des Instrumentes zu kennen?

YJ:
Komponisten, die musikalisch durch die technischen Möglichkeiten inspiriert werden ohne die kulturelle Abhängigkeit vom einen oder anderen kulturellen System...

thb:...ohne Geschichte, ohne historischen Aspekt sozusagen...

YJ:
Umgekehrt: Behalte Deine Wurzeln und öffne Dich für das Neue. Deswegen habe ich seit 1996 Komponisten unterschiedlichster Herkunft (Japaner, Engländer, Schweizer) gebeten, Stücke für mich zu schreiben. Ich lerne gerne und ich glaube, der einzige Weg, das Alte irgendwie zu retten, besteht darin, dass man es wieder zu neuem Leben bringt. Nachahmen an sich, heisst die Tradition töten. China bringt 5000 Jahre wechselnde Geschichte mit und nun sollen wir plötzlich eine andere Kultur nachmachen?

Thb: Aber Sie sind jetzt auch in den „Westen“ gezügelt und nicht in China geblieben?

YJ:
Mit meinen Wurzeln bin ich immer noch, wo ich herkam, aber ich interessiere mich, ohne meine Wurzeln zu verlieren, für etwas Neues, das weitergeht.

So entstanden in den Jahren 2004-2008 nach und nach mehrere Werke: „For one“ (für Pipa solo), mehrere Versionen des Kammermusikstückes „Singing Hands“, das am Hokutofestival 2006 in Japan, das (im Mozartjahr) der Begegnung von Ost und West gewidmet war, uraufgeführt wurde. Ferner schrieb ich 2007 die „Vier Stücke für Vals“ (für Klaviertrio in der Besetzung Pipa, Violoncello und Klavier), das Pipakonzert und das Chorstück „Transitions“ für Pipa und gemischten Chor, die auf dieser CD vereinigt sind.

Thüring Bräm, im September 2011



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